Die Rede zur Eröffnung

Die Rede von Museumsleiter Dr. Udo Gößwald zur Eröffnung der Ausstellung am 11. Mai 2017 im Museum Neukölln

Archäologische Forschungen belegen, dass die ältesten dinglichen Zeugnisse, die bei religiösen Praktiken oder Zeremonien zum Einsatz kamen, bis zu 9000 Jahre alt sind. Wir können daraus schließen, dass die Sache mit der Religion eine tief verwurzelte Bedeutung in der Geschichte der Menschheit hat. 

Wenn wir etwas über die Geschichte und Kultur der Menschen mit denen wir zusammenleben, erfahren wollen, ist es von Vorteil, etwas über ihr Verhältnis zur Religion zu wissen. In seiner berühmten Schrift „Über die Religion“ bezeichnet Friedrich Schleiermacher „das Universum und das Verhältnis des Menschen zu ihm“ als den Kern und den Gegenstand der Religion. Unter diesem Blickwinkel betrachtet ist Religion eine Grunderfahrung des Menschen in Bezug auf die ihn umgebende Welt. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass sich Religion von dem lateinischen Verb „religare“, d.h. rückbinden, ableiten lässt. Das Wesentliche der religiösen Erfahrung liegt mit den Worten des Soziologen Harmut Rosa „in der Idee einer entgegenkommenden, antwortenden Welt, die uns berührt und der wir unsererseits entgegenzugehen vermögen“[1]. Dafür gibt es in der abendländischen religionsgeschichtlichen Tradition, die sich in Liedern, Erzählungen, Bauwerken und Kunstwerken ausdrückt, zahlreiche Belege. Es spricht viel dafür, dass ähnliche Erfahrungen auch in buddhistischen, hinduistischen und islamischen Formen von Religiosität präsent ist. [2]

Der Grundgedanke, dass Religion eine Form der Welterfahrung ist, die uns in ein dialogisches Verhältnis zu einem unbestimmten, transzendenten Etwas stellt, bedeutet, dass wir sowohl auf Antworten hoffen dürfen als auch selber die Fähigkeit besitzen, eigene Positionen zu beziehen. Dazu gehört es auch, den verschiedenen Glaubenslehren, die sich in den letzten 2500 Jahren herausgebildet haben, zu widersprechen und auch am Glauben selbst zu zweifeln. Wenn wir in diesen Tagen den 500. Jahrestag des Thesenanschlages von Martin Luther in Wittenberg begehen, so sollte nach meiner Auffassung der Gedanke des Widerspruchs im Vordergrund stehen. Denn mit seinem Widerspruch zu den Praktiken der katholischen Kirche hat Luther demonstriert, dass kein Glaubensgebäude abgeschlossen und jemals als unveränderbar gelten darf. Mit dem Gedanken der Reformation ist die Möglichkeit der grundlegenden Veränderung von Einstellungen, Meinungen und religiösen Praktiken formuliert. Mit der Reformation ist die Tür für die Aufklärung geöffnet und der Weg für den Gedanken freigemacht worden, dass jeder Mensch, sich als mündiger Bürger verstehen darf und damit auch Kritik an der Religion üben kann.

1539 macht sich auch der brandenburgische Kurfürst Joachim II die Kritik Luthers an der katholischen Kirche zueigen. Damit ist die Reformation auch in unserer Region angekommen. Am 1. November 1539 empfängt der Kurfürst aus der Hand des brandenburgischen Bischofs Matthias von Jagow in der St. Nikolai-Kirche in Spandau das Abendmahl nach lutherischem Verständnis. Er bekommt Brot und Wein, das Abendmahl in „beiderlei Gestalt“. Nach katholischer Sicht ist der Kelch dem Priester vorbehalten. Lässt sich ein Gläubiger das Abendmahl in Form von Brot und Wein reichen, gibt er sich als Anhänger Luthers zu erkennen. Dennoch zögert der Kurfürst noch lange, auch seinem Volk offiziell den neuen Glauben vorzuschrieben. Joachim II. hängt nach wie vor an der alten Liturgie und den prunkvollen katholischen Ritualen.

Sichtbarstes Zeichen der neuen reformierten Auffassung des Glaubens wird die massenhafte Verbreitung der Lutherschen Bibelübersetzung. Im Todesjahr Luthers 1545 waren bereits 600.000 Exemplare im deutschsprachigen Raum verbreitet.[3]  Die älteste Bibel in der Sammlung des Museums Neukölln, die in dieser Ausstellung zu sehen ist, stammt aus dem Jahr 1649 und wird von Wolfgang Endter in Nürnberg gedruckt und verkauft.  Das Verlagshaus Endter ist eine der bedeutendsten Druck- und Buchhandelsfirmen jener Zeit. Die meisten der heute noch erhaltenen, prachtvoll ausgestalteten Bibeln aus dem 17. Jahrhundert stammen aus seinen Händen. Wir können davon ausgehen, dass in zahlreichen Kirchen und Gutsherrenfamilien der Mark Brandenburg vergleichbare Schmuck-Bibeln im Einsatz waren.

Ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammt die gotische Kirchentür der Buckower Dorfkirche, die sich seit 1964 in der Sammlung des Museums befindet und für diese Ausstellung restauriert wurde. Sie ist Zeugnis der langen Tradition der Buckower Dorfkirche, die bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht und einer der ältesten noch erhaltene Kirchenbauten in Berlin ist.

Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein waren Katholiken in Preußen eine unbedeutende Minderheit. Mit der Industrialisierung nahm jedoch der Zustrom katholischer Arbeiterfamilien aus Osteuropa zu. Die Fahne des 1894 gegründeten Katholischen Arbeitervereins „St. Joseph“ zu Rixdorf ist ein sichtbarer Ausdruck davon. 1880 wird mit „St. Clara“ in der Briesestraße die älteste katholische Kirche in Neukölln gebaut.

Zu dieser Zeit lebt mit Bruno Bauer einer der bedeutendsten Religions-philosophen des 19. Jahrhunderts in Rixdorf. Der Junghegelianer war in seiner Jugendzeit mit Karl Marx befreundet und gehört zu den Wortführern einer radikalen Kritik an der Existenz Gottes. Bauer, nach dem in Neukölln eine Straße benannt ist und dessen Ehrengrab sich auf dem St. Jacobi Friedhof am Hermannplatz befindet, lebte von 1862 bis zu seinem Tod 1882 auf dem Hof seines Bruders Egbert in der Hermannstraße. Er ging als „der Einsiedler von Rixdorf“ in die Lokalgeschichte ein. Zu sehen ist in dieser Ausstellung seine Schrift mit dem Titel „Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit“, in der er seine atheistische Position formuliert. Ihr Erscheinen 1842 führt noch im selben Jahr zu seiner Relegation von der theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Im Kaiserreich sind monarchische Herrschaft und religiöse Ordnung untrennbar miteinander verknüpft. Religionskritik wird deshalb von der Obrigkeit als Angriff auf die Monarchie verstanden und entsprechend verfolgt. In Rixdorf, einer frühen Hochburg der Arbeiterbewegung, gründet sich die erste freireligiöse Gemeinde im Jahr 1890. Die kleine Minderheit bekennender Freidenker zählt im Kaiserreich nur wenige Tausend Mitglieder. Ab 1911 gehen die sozialistischen und bürgerliche Freidenker in die Offensive und fordern insbesondere die Arbeiterschaft zum massenhaften Kirchaustritt auf. Den Höhepunkt der Kampagne bildet eine Massenveranstaltung in der Neuen Welt in der Hasenheide am 28. Oktober 1913. Vor über 3000 Zuhörern rufen der Sozialdemokrat Karl Liebknecht und der Komitee-Vorsitzende Wilhelm Ostwald zum „Massenstreik gegen die Staatskirche“ auf. 582 Austrittserklärungen werden allein an diesem Abend unterschrieben.

Im Kaiserreich ist die schulische Erziehung noch stark vom Einfluss der Kirchen geprägt. In den meist schlecht ausgestatteten Rixdorfer Volksschulen sind Gottesfurcht und Untertanengeist bestimmend. Mit der Revolution 1918/19 bekommen die Gegner der Konfessionsschulen die Oberhand. Auf Initiative konfessionsloser Eltern und engagierter Reformpädagogen werden unter dem sozialdemokratischen Bildungsstadtrat Kurt Löwenstein bereits 1920 erste „weltliche Schulen“ ohne Religionsunterricht und geistliche Lehrkörper eingeführt.

Der jüdische Religionsunterricht wird in den 20er Jahren am Kaiser Wilhelm Realgymnasium in der Sonnenallee, der heutigen Ernst-Abbe-Schule von Dr. Georg Kantorowsky durchgeführt. Er ist seit 1921 Rabbiner der jüdischen Synagoge in Neukölln. Eine schlichte Postkarte in dieser Ausstellung zeigt den Innenraum der jüdischen Synagoge, die im Hinterhof der Isarstraße 8 steht. Sie stammt aus dem Fotoalbum von Maria Hermann, die in den 1920er und 1930er Jahren im Keller des Vorderhauses eine Kohlenhandlung betreibt.  Im September 1907, also heute vor 110 Jahren, kann die kleine jüdische Gemeinde in Rixdorf die Einweihung ihrer Synagoge in der Isarstraße feiern. Nach und nach wächst die Gemeinde. 1925 leben bereits knapp 3000 Jüdinnen und Juden im Bezirk.

Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet ab 1935, dass Neuköllner*innen auf der Grundlage der Nürnberger Rassengesetze wegen ihrer jüdischen Herkunft ständig wachsenden Einschränkungen im Alltag ausgesetzt sind. Das betrifft auch Menschen, die sich nicht oder nicht mehr zum Judentum bekennen – unter ihnen viele Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen. Unter ihnen auch der Neuköllner Bildungsstadtrat Kurt Löwenstein und den Schulleiter Fritz Karsen, die 1933 zur Flucht aus Deutschland gezwungen werden. Im reichsweiten Pogrom am 9. November 1938 zerstören Antisemiten viele Neuköllner Geschäfte mit jüdischen Inhabern und verwüsten die Synagoge in der Isarstraße. 1939 wird die jüdische Gemeinde in Neukölln von den Nazis aufgelöst. Am 22. Oktober 1940 verlässt Georg Kantorowsky mit seiner Frau Frieda und Tochter Eva Berlin in Richtung Shanghai. Sohn Hans kann nicht mitkommen, da er zur Zwangsarbeit verurteilt wird  und nicht freikommt. Er wird am 19. April 1943 nach Ausschwitz deportiert und dort am 2. September 1943 ermordet. Hans Kantorowsky teilt sein Schicksal mit etwa 500 Jüdinnen und Juden aus Neukölln, die von den Nazis deportiert wurden und in Konzentrationslagern umgebracht wurden.

Seit 1939 gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Neukölln. Noch viele Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg blieben die Spuren jüdischen Lebens in Neukölln verwischt. Erst durch die Recherchen einzelner Historiker*innen und das Museum Neukölln wurde ein Teil der Geschichte der jüdischen Bevölkerung Neuköllns rekonstruiert. Seit den 90er Jahren erhöht sich die Anzahl jüdischer Bürger*innen in Neukölln wieder. Insbesondere jüngere Menschen aus Osteuropa und Israel schätzen die kulturelle Vielfalt und das lebendige großstädtische Leben in Neukölln. Die Neuköllner Initiative Salaam-Shalom setzt sich für den Abbau von Vorurteilen zwischen Muslim*innen, Jüdinnen und Juden ein. Viele praktizierende Jüdinnen und Juden, die heute in Neukölln wohnen, gehen am Shabbath oder zu hohen jüdischen Feiertagen in die Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg.

Die Geschichte des Islam in Neukölln reicht zurück bis in das Jahr 1798. In diesem Jahr stirbt Ali Aziz Efendi, osmanischer Botschafter und ein bedeutender Schriftsteller. Da der gläubige Muslim, wie im Islam üblich, schnell bestattet werden soll, kauft der preußische König ein Stück Land in der Hasenheide und lässt den Botschafter dort bestatten. Eine Postkarte aus dem Jahr 1901, die  wir hier ausstellen, zeigt das maurische Tor des türkischen Friedhofs, der 1866 eingeweiht wird und einen Obelisken, der an die ersten fünf Muslime erinnert, die im 19. Jahrhundert dort beerdigt wurden. Erst ist ein Wahrzeichen der preußisch-türkischen Freundschaft im 19. Jahrhundert. In der Nähe des Friedhofs wird 1999 der Grundstein für die Sehitlik-Moschee gelegt. Sie wird 2005 eröffnet und bietet Platz für mehr als 1500 Gläubige. Zusammen mit der Sehtlik-Moschee gibt es 18 muslimische Moscheen in Neukölln, davon sind 15 sunnitisch und drei schiitisch ausgerichtet. Außerdem hat Neukölln eine große Anzahl alevitischer Gemeindemitglieder.

Die beiden jüngsten Glaubensgemeinschaften in Neukölln sind die Hinduisten und Buddhisten. Der hinduistische Sri Mayurapathy Murugan Tempel in der Blaschkoallee wird 2008 errichtet und hauptsächlich von Tamilen aus Sri Lanka besucht. Wir schätzen uns glücklich, dass wir eine Pfauen-Figur, die im Zuge von Renovierungsarbeiten auf dem Dach des Tempels entfernt wurde, hier ausstellen können und in die Sammlung des Museums übernehmen werden. Der Sri Ganesha Hindu Tempel in der Hasenheide soll demnächst fertiggestellt werden. Der einzige buddhistische Tempel in Neukölln befindet sich im Neckarstraßenzentrum. Mit einer aktuellen Fotografie bekommen Sie einen Einblick in den Innenraum.

Es war uns wichtig, diese Spuren der Religionsgeschichte in Neukölln herauszuarbeiten und auszustellen. Sie zeigen die historischen Dimensionen und ihre Vielfalt in unserem Bezirk. Selbstverständlich können wir hier nur einen beschränkten Ausschnitt dieser religiösen Vielfalt zeigen, denn es gibt noch zahlreiche andere Glaubens- und Religionsgemeinschaften in Neukölln.

Wie Sie bereits wissen haben Schülerinnen und Schüler aus acht Neuköllner Schulklassen an dieser Ausstellung mitgewirkt. Sie hatten die Chance, jeweils eine Vitrine zu der Religionsgemeinschaft zu gestalten mit der sie sich befasst haben. Außerdem haben sie im Unterricht eine Reihe von Fragen entwickelt, die sie Repräsentant*innen der jeweiligen Religion, aber auch Kultur-wissenschaftler*innen und praktizierenden Laien gestellt haben. Uns als Kuratoren dieser Ausstellung war es dabei wichtig, verschiedene Positionen und Antworten zu erhalten, die den Besucher*innen ein Spektrum unterschiedlicher Positionen bietet. Wir haben uns dabei an den bereits ausgeführten Gedanken der Aufklärung orientiert. Im Zentrum stehen dabei die menschliche Würde, ein historisches Bewusstsein für die Veränderbarkeit der Welt aber auch die Vergänglichkeit des Menschen. Diesen Gedanken hat die amerikanische Philosophin Susan Neiman wie ich finde sehr zutreffend formuliert: „Wir werden als Teil der Natur geboren und sterben auch so, aber am lebendigsten fühlen wir uns, wenn wir sie transzendieren und über sie hinausgehen. Denn Mensch sein heißt, sich zu weigern das Gegebene als gegeben hinzunehmen. Sowohl Gläubige wie Nicht-Gläubige sind in der Lage, Transzendenz zu erkennen, vor allem dann, wenn sie fehlt.“[4]

 

[1] Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016, S. 439.

[2] Vgl. ebd.

[3] Raoul Schrott: Martin Luther, in: Lettre International 116, Frühjahr 2017, S. 8.

[4] Susan Neiman: Was ist heute Religion? In: ZEIT Philisophie, Die ZEIT, Nr. 25/68. Jahrgang, Juni 2013, S. 20.

Foto: Phillip Graf

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